Aristoteles Kritik

Bevor sich Aristoteles explizit mit den Aussagen des Parmenides beschäftigt, schickt er voraus: die Frage, „ob das Seiende eines und unwandelbar ist, ist keine Untersuchung im Bereich der Naturforschung.“ (185a) Naturforschung meint für ihn, die Frage nach der Arche, nach dem Ursprung. So besitzt etwas Seiendes „nämlich gar keinen Anfang mehr, wenn nur eins und in diesem Sinne eines ist. Denn Anfang ist immer Anfang von etwas, einem oder mehrerem“(185a) Durch die Festsetzung das Seiende ist eines und unwandelbar wird für ihn der Naturwissenschaft der Grundsatz entzogen. Wobei die These das Seiende sei eines und unwandelbar im gleichen Maße ein Grundsatz darstellt auf der sich eine Naturwissenschaft aufbauen lässt, nur läuft er nicht konform mit Aristoteles Meinung. Warum Aristoteles diesen Grundsatz nicht zulassen will, wird deutlich, wenn man sich seine Aufteilung der Wissenschaften im Einzelnen ansieht. In der Metaphysik Buch E1 sagt er über die Physik: „Die Physik beschäftigt sich mit dem, was sich bewegen kann…“ Nun kann sich natürlich auch etwas bewegen, was als eines und als unwandelbar aufgefasst wird, aber dieses lehnt Parmenides nach Ansicht Aristoteles ab: „Weswegen soll es unbewegt sein, wenn es eins ist?“(186a) Und nur aus diesem Gesichtspunkt kann Aristoteles die Frage, ob das Seiende eines und unwandelbar ist, aus dem Bereich seiner Naturforschung nehmen.

Dann nennt er aber schon seine Hauptkritik an Parmenides; es ist das ausgehen von falschen Annahmen und dass diese in sich nicht schlüssig sind. (185a) So gibt er denn auch für seine Argumentation eine eigene Grundannahme an, die konträr zu Parmenides These steht: „Die natürlichen Gegen-stände unterliegen entweder alle oder zum Teil dem Wechsel.“ (185a)

Für Aristoteles ist auch die Begriffserklärung des „seiend“ von Bedeutung. Am Ende von Abschnitt 185a versucht er diese angemessene „Anfangsfrage“ zu erläutern. Wenn die Gesamtheit des Seienden eins sein soll, bezieht sich dieses entweder auf ein Ding sein oder eine Eigenschaft. Handelt es sich aber um eine Eigenschaft, wie z.B. ein „So-und-so-vieles“ oder ein „So-und-so-beschaffenes“ benötigt diese Eigenschaft ein Ding als ihre Grundlage. Somit steht für Aristoteles fest, „wenn die Gesamtheit sowohl Ding als auch irgendwie-beschaffen und irgendwie-viel ist, und dies entweder unabhängig von einander oder nicht, so wäre das Seiende eine Vielheit.“(185a)

Zwei Mengen bestimmt Parmenides in seinem Lehrgedicht; die Menge des Seienden und die Menge des Nicht-Seienden. Für Aristoteles sagt er damit, die Dinge in der Menge des Seienden können somit nur Seiend sein, andere Eigenschaften, wie z.B. Weiß-sein können nach der Annahme des Parmenides, seiend habe nur eine einzige Bedeutung, nicht mehr zu treffen.

Für Aristoteles ist die Behauptung des Parmenides, dass das Seiende eins ist, schon alleine vom Sprachgebrauch nicht möglich. Denn Seiend kann in ganz verschiedenen Variationen auftreten, als Beispiele nennt er „weiß sein“, „Mensch“. (186a) Wenn man nun alle Dinge, die weiß sind zusammennimmt, haben sie zwar alle die eine Eigenschaft des „Weiß sein“, aber deswegen werden die Gegenstände noch lange nicht eins. Analog soll sich das zu den seienden Dingen verhalten, denn das Seiende tritt ja nun eben auch dort in vielen Variationen auf, ob nun als Mensch oder als Pferd. Aristoteles erkennt, dass das Seiende die Grundlage ist, um „weiß“, „Mensch“ oder „Tier“ zu sein. Daraus ergibt sich zwingend, dass ein Mensch oder ein Tier seiend ist oder anders ohne Seiend kein Mensch, kein Tier oder kein weiß. Hier ist die Unterscheidung aber wichtig, dass man dem ersten Unterscheidungsgrund „Seiend“ einem zweiten Unterscheidungsgrund „Mensch“, „Tier“, „weiß“, o.ä. zuordnen kann, aber nicht umgekehrt: der Mensch ist „Seiend“ aber „Seiend“ heißt nicht unbedingt „Mensch“ sein. Also auch wenn die Menge des Seienden aus vielen Verschiedenheiten besteht, so bleibt die Menge Seiend immer nur eins.

In Abschnitt 186b macht er einen weiteren Denkfehler. Er fragt, „wenn nämlich einmal der Begriff „seiend“ auch weiß sein soll…“? Mit dieser Fragestellung ordnet er dem Seienden die Eigenschaft „weiß sein“ zu. Und weiter stellt er fest, „weiß sein“ ist nicht wirklich „seiend“. Damit meint er, „weiß“ ist nicht gleich „seiend“. Dieses stimmt zwar, denn das „weiß sein“ ist eine Funktion des Seienden. Aber aus diesen Sätzen folgt nicht, dass das „weiß sein“ somit „nicht seiend“ ist.

Sicherlich hat Aristoteles mit der Begriffserklärung des Seienden gezeigt, dass das Seiende viele Bedeutungen haben kann, ob es dadurch aber zu einer Vielheit wird, die seiner Meinung nach Parmenides dem Seienden abspricht, ist damit aber lange noch nicht geklärt. Die entscheidende Frage ist aber, schließt Parmenides bei dem Seienden wirklich eine Vielheit aus? In Fragment 8. (DK 28 B 8) sagt er, dass das Seiende „voll ist von Seiendem. Darum ist es als Ganzes zusammenhängend: Seiendes stößt an Seiendes.“ In der Übersetzung von Jaap Mansfeld klingt es so: das Seiende „ ist als Ganzheit von Seienden innen erfüllt. Dadurch ist es als Ganzes ein Geschlossen-Zusammenhängendes, denn Seiendes schließt sich Seiendem an.“ Aus beiden Übersetzungen wird deutlich, es gibt das eine Seiende, nämlich die eine Menge des Seienden und diese eine Menge ist mit vielen Seienden gefüllt. Und die Füllung der Menge kann daher durchaus aus einer Vielheit bestehen, solange sie das Kriterium des Seienden erfüllt. Uvo Hölscher meint „ mit der „Fülle“ des Seienden ist Verschiedenheit, und das heißt: Vielheit ausgeschlossen.“ Dass Parmenides aber Füllung und Menge unterscheidet, wird deutlich in der Hauptaussage des Lehrgedichtes: das Seiende ist und das Nicht-Seiende ist nicht. Er gibt hiermit zwei Mengen vor, die eine Menge des Seienden und die andere Menge des Nicht-Seienden. Dass er die Menge des Nicht-Seienden letztendlich als überhaupt nicht seiend, da undenkbar, klassifiziert und leugnet, ändert nichts an der Tatsache, dass er eine Unterscheidung vornimmt, nach der er entscheidet, welche Dinge zu welcher Menge gehören. Damit und durch seine Aussage, die Menge des Seienden ist voll von Seiendem, wird gerade die Unterscheidung von Füllung und Menge deutlich.

Auch den Begriff „Eins“ hält Aristoteles für zu erklären. „Eins lässt sich nun sagen entweder von Zusammenhängenden oder von dem Nicht-Auseinandernehmbaren oder von (Gegenständen), deren Begriffserklärung eine und dieselbe ist, z.B.: bei Rebensaft und Wein.“(185b) Letzteres schließt er unter zu Hilfenahme von Heraklits Aussage (Frg. B58 und 61) aus. Heraklit behauptet hier nach Meinung des Aristoteles, dass das Gutsein und das Schlechtsein das Gleiche sei. Und daraus würde weiter resultieren, auch Mensch und Pferd wäre ein und dasselbe (185b). Da dieses aber unmöglich ist, käme diese Begriffserklärung für „eins“ nicht in Frage.

Die Überlegung, ob „eins“ im Sinne von Zusammenhang gemeint ist, kann ebenfalls nicht zutreffen, weil das Zusammenhängende folglich aus mehreren Teilen besteht. Und was aus mehreren Teilen besteht kann nicht als „eins“ aufgefasst werden. Wäre „eins“ im Sinne von nicht-auseinandernehmbar gemeint, wäre es einen Vielheit. Denn Aristoteles bestimmt hier das Nicht-auseinandernehmbare als ein „so-und-so-vieles“ oder „so-und-so-beschaffenes.